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Wolfram Ebersbach

Dieser Graben… das hat mich erschüttert

Der Maler Wolfram Ebersbach über seine Auseinandersetzung mit der Geschichte des Parthegrabens in der Leipziger Innenstadt.

Ich habe in Leipzig studiert und Wolfgang Mattheuer übernahm damals die Malklasse, in der ich war. Und er fiel mit seinen Landschaftsbildern auf, durch die er sich von den anderen Leipziger Malern seiner Generation abhob. Das hat mich beeindruckt. Ich entdeckte, dass nicht nur in den damals dominierenden Porträts, sondern auch in der Landschaft eine Betrachtung der Zeit möglich ist, dass man an den Räumen viel ablesen kann.
Daraufhin malte ich zum Beispiel zerstörte Landschaft, das große schwarze Braunkohleloch bei Leipzig, das war mein Diplombild. Dann war es mal eine Hausfassade, mit der ich sogar ein bisschen Erfolg hatte.
Es entstand auch eine ganze Reihe von Stadtlandschaften. Wenn man aus dem Dorf kommt, wie ich, aus Lichtentanne bei Zwickau, dann ist man von so einer städtischen Szenerie vollkommen eingenommen. Und ich wollte keine Postkartensituationen malen sondern in die Räume hereingehen, die Leipzig ja bietet: Bahnhof, Passage, Unterführung. Ich habe das meist vereinfacht, zum Signet fast, zum Kürzel. Die Bilder sind dunkel, vielleicht liegt das auch daran, dass ich den Plastiker Henry Moore mag, der auf diese Weise Raum schafft. Weiß und schwarz interessieren mich da mehr als die Farben, und in einer Phase habe ich dann sogar den Scheuerbesen genommen, um die Strukturen zu erreichen, auf die ich gestoßen war.
Jedenfalls bot es sich im Anschluss an die Passagen Leipzigs auch an, die Denkmalorte der Stadt zu malen. Das Völkerschlachtdenkmal war klar, da ging ja jeder hin, schon als Schüler hat man sich das angeguckt. Dann gab es das ehemalige Reichsgericht, in dem es die Verhandlungen zum Reichstagsbrand gab, die von der NSDAP für ihre Propaganda benutzt worden waren. Das war ja auch ein präsenter Ort. Wenn man da an die Türklinke griff, bekam man schon Angst vor der Höhe, vor der Größe, man empfand, wie klein man war! Da dachte ich mir, das musst du malen. Auch die Nikolaikirche und die Thomaskirche hab ich gemalt und schließlich den Parthegraben, denn den hab ich hier vor der Nase, er fließt direkt am Atelier vorbei. Um 2000 war das.
Ich hatte in dieser Zeit auch eine Ausstellung, da habe ich mich reingekniet. Die Bilder wurden sehr groß, das zum Völkerschlachtdenkmal und das Bild vom Reichsgericht kriegte man in keinen Raum rein, die musste man knicken. Das war aber auch ein starker Effekt, das aufzuklappen. Die Parthe dagegen ist kompakter geworden.
Der Parthegraben ist so beschaffen, dass links und rechts des Flusses Platz ist, für den Fall, dass er bei Hochwasser anschwillt. Ein schöner Spazierweg, sollte man meinen. Zugleich erinnert mich die Struktur an einen harten Schnitt durch die Stadt, wie mit einem Messer. Die jetzt angelegten mäanderartigen Bögen sind erst viel später gebaut worden, früher war das schnurgerade. Wir haben also den strengen Graben mit dem Wasser und den Ausweichflächen links und rechts, Brücken darüber und dann erheben sich außen an den säumenden Straßen die Häuser in die Höhe.
Und hier wurde 1938 die jüdische Bevölkerung Leipzigs zusammengetrieben. Gerade im Rosenthal gab es jüdische Villen, hier wohnten also viele Juden, die wurden alle hierher beordert und mussten sich unten in den langen Parthegraben hineinstellen, auf den gepflasterten Ausweichflächen hat man sie zusammengepfercht. Es gibt Zeitzeugen, die das gesehen haben, wenn sie in der Straßenbahn vorbeifuhren: Der ganze Parthegraben war voller Hüte. Sie berichten, dass sie zwar Mitgefühl empfunden, sich aber nicht getraut hätten, etwas zu sagen. Man hat das schon gesehen, was da passiert. Dieser Graben – das hat mich erschüttert.
Es gibt verschiedene Skizzen dazu, mal von oben, und dann bin ich doch über den Zaun gestiegen und die Treppe runter, damit ich die Perspektive derer habe, die im Graben standen. Wenn ich etwas vorhabe, nehme ich einen Aquarellblock und gehe an den Ort, kniee mich hin und male los, versuche mich anzunähern, in diese Richtung, in jene Richtung. Das hat mich so gepackt, dass ich den Schmutz und Sand in dem Graben aufgenommen hab, um ihn stofflich mit einzubringen.
Anschließend sind dann zwei größere Bilder entstanden, sehr düstere. Ein wichtiges ist verkauft, das ist ein bisschen schade, weil sich auch das Leipziger Museum der bildenden Künste dafür interessiert hatte, denen hätte ich es auch geschenkt. Das ist immer schwierig. Man malt die Bilder ja eigentlich für sich, um sich über etwas klar zu werden.





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